Wie die Versicherungen systematisch Ihren Anspruch auf Schadensersatz nach einem Verkehrsunfall kürzen

Der Verursacher eines Verkehrsunfalls ist zum Ersatz des Unfallschadens verpflichtet. Der Schaden wird dann in der Regel von seiner KFZ-Haftpflichtversicherung reguliert. Oft drücken die Versicherungen jedoch den Schadensersatz zum Nachteil des Geschädigten, indem Sie eigene Gutachten erstellen, die deutlich günstiger für sie ausfallen. Das müssen Sie sich als Geschädigter jedoch nicht gefallen lassen!

Der Sachverhalt:

Unsere Mandantin war in einem Verkehrsunfall verwickelt, an dem sie keine Schuld trifft. Mustergültig holte Sie ein Schadensgutachten bei einem unabhängigen Sachverständigen ein und legte es uns zügig vor. Da es sich glücklicherweise nur um einen Lackschaden handelte, beschloss unsere Mandantin, den Schaden nicht reparieren zu lassen und Schadensersatz auf Basis des Gutachtens zu verlangen. Nachdem wir die Haftpflichtversicherung des Verursachers ermittelt haben, forderten wir dort u.a. den Reparaturschaden in Höhe von rund 1.200 € an. Der Reparaturschaden setzte sich wie folgt zusammen:

Kürzen mit System!

Die Versicherung "überprüfte" daraufhin das vorgelegte Gutachten. Natürlich bestellte sie keinen Sachverständigen, sondern ein Sachbearbeiter nahm die Überprüfung persönlich vor. Der Sachbearbeiter suchte sich einen Referenzbetrieb in der Nähe unserer Mandantin aus und "erfragte" dort die niedrigeren Kosten.Viele Geschädigte wehren sich hiergegen nicht und so lohnt es sich für die Versicherungen in der Summe also, die Schäden regelmäßig zu kürzen.

Geschädigte dürfen sich die Werkstatt aussuchen!

Grundsätzlich haben Geschädigte einen Anspruch, ihr Fahrzeug in der Werkstatt ihres Vertrauens reparieren lassen. Dies kann natürlich auch eine markengebundenen Fachwerkstatt in der Nähe sein. Diese sind regelmäßig teurer, was aber nicht zu Lasten des Geschädigten geht (siehe BGH, Urteil vom 29. 4. 2003 - VI ZR 398/02 = "Porsche-Urteil").

 

Bei dem "Referenzbetrieb" der Versicherung handelte es sich natürlich nicht um eine Markenwerkstatt. Daher kommt diese auch nicht mit der nachfolgenden Argumentation weiter:

Prüfbericht der Versicherung wies 1/3 weniger Reparaturkosten aus!

Natürlich wies der "Prüfbericht" eine deutlich geringere Schadensersatzsumme in Höhe von rund 800 € auf:

Im Einzelnen kürzte die Versicherung den Schadensersatz um folgende Positionen:

UPE-Aufschlag gekürzt!

Bei UPE-Aufschlägen handelt sich um branchenüblich erhobene Zuschläge der Werkstätten , auf die unverbindliche Preisempfehlung der Ersatzteile aufgeschlagen werden. Damit gelten die Werkstätten die Kosten der Lagerung der Ersatzteile ab. Dies ist durchaus auch im Interesse der Kunden, denn die  ständige Verfügbarkeit der Ersatzteile verkürzt in der Regel die Reparaturdauer.

Weshalb die Versicherung nicht zahlt


"Die angeführten Ersatzteilpreise enthalten einen Aufschlag von durchschnittlich 10 % auf die unverbindliche Preisempfehlung (UPE) des Herstellers. UPE Aufschläge gehören grundsätzlich nicht zum erforderlichen Herstellungsaufwand, da nicht jede Werkstatt diese Aufschläge berechnet."

Rechtslage

 


Die Rechtssprechung hierzu ist geteilt. Überwiegend ist aber anerkannt, dass  UPE-Aufschläge auch bei fiktiver Schadensabrechnung  zu erstatten sind, wenn die Erhebung der UPE-Aufschläge regional üblich ist (so z.B. LG Köln, Urteil vom 31.05.2006 - 13 S 4/06).



Verbringungskosten, Kosten für Kleinteile und Nebenkosten

Gerade bei Lackierarbeiten kommt es vor, dass die Werkstätten diese durch andere Fachbetriebe erledigen lassen. Die Kosten der Überführung des PKW von der Werkstatt zum Lackierbetrieb werden Verbringungskosten genannt.

Vorbringen der Versicherung


"Verbringungskosten können nur entstehen, wenn der Reparaturbetrieb das Fahrzeug in eine externe Lackiererei verbringen muss und hierfür zusätzliche Kosten in Rechnung gestellt werden. Da nicht nachgewiesen ist, dass diese Kosten tatsächlich anfallen, werden bei der fiktiven Abrechnung Verbringungskosten in Abzug gebracht."


"Aufgrund der Anzahl ausgewiesener Klein- teile ist ein pauschaler Kleinteileaufschlag nicht mehr gerechtfertigt."



"Die Kosten für Polieren / Beipolierung / Finisharbeiten sind schadenbedingt nicht erforderlich: Nebenkosten - 20,00 €."

 

"Die in der Kalkulation befindlichen Beschaffungskosten / Frachtkosten fallen evtl. erst bei der konkreten Bestellung an: Nebenkosten - 20,00 €."

Rechtslage


Auch für die Verbringungskosten gilt dasselbe wie bei den UPE-Aufschlägen: die Rechtsprechung hierzu ist geteilt, aber überwiegend wird vertreten, dass diese Kosten zu berücksichtigen sind, wenn sie denn regional üblich sind (so z.B. LG Köln, Urteil vom 31.05.2006 - 13 S 4/06).

 

 

 


Die Versicherung übersieht, dass die Kleinteile gar nicht pauschal berechnet wurden. 7,52 € ist kein typischer Pauschalbetrag.

 


Natürlich fallen diese Kosten nicht an, wenn der Geschädigte den Schaden nicht reparieren lässt. Dies ist bei der fiktiven Schadensabrechnung immer so: es werden lediglich die fiktiven Reparaturkosten in Rechnung gestellt. Dazu gehören natürlich auch diese Nebenkosten: In diesem Falle müsste das KFZ lackiert und dann auch poliert werden. Die Farbe wäre selbstverständlich zu bestellen; hierfür würden Frachtkosten anfallen.



Lohnkosten

Natürlich ermittelte die Versicherung auch, dass der unabhängige Gutachter unserer Mandantin zu hohe Arbeitskosten ansetzte. Wie gesagt, handelt es sich bei dem Referenzbetrieb nicht um eine Markenwerkstatt. Grundsätzlich sind aber die Lohnkosten einer teureren Markenwerkstatt zugrunde zu legen.

Vorbringen der Versicherung


"Bei den Stundenverrechnungssätzen der einzelnen Fach- und Vertragswerkstätten bestehen zum Teil erhebliche Differenzen. Ein Werkstattvergleich ergab, dass der unfallbedingte Schaden bei Fachwerkstätten in der Nähe des Fahrzeughalters zu den unten angeführten Kosten repariert werden kann. Der hier vorgenommenen Abrechnung liegt folgender aktuelle Stundenver-rechnungssatz (Endverbraucher-preise ohne MwSt.) eines regionalen Fachbetriebes zugrunde."

Rechtslage


"Der Geschädigte, der fiktive Reparatur-kosten abrechnet, darf der Schadensberechnung die Stunden-verrechnungssätze einer marken-gebundenen Fachwerkstatt zugrunde legen. Der abstrakte Mittelwert der Stundenverrechnungssätze aller re- präsentativen Marken- und freien Fachwerkstätten einer Region repräsentiert als statistisch ermittelte Rechengröße nicht den zur Wiederherstellung erforderlichen Betrag " - Leitsatz des BGH, Urteil vom 29. 4. 2003 - VI ZR 398/02 = "Porsche-Urteil"



Was Sie gegen die Kürzungen der Versicherung unternehmen können!

Sie können klagen! In der Praxis zeigt sich, dass schätzungsweise 8 von 10 Betroffenen die Abrechnung der Versicherung akzeptieren. Wenn folglich nur 2 Geschädigte Klage erheben, dann lohnt es sich für die Versicherungen unter dem Strich, die Kürzungen systematisch vorzunehmen. Kurz gesagt: Die Versicherungen lassen es auf eine Klage ankommen!



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Kommentare: 5
  • #1

    Philip (Freitag, 11 Dezember 2015 08:17)

    Dieser Artikel hat mir sehr geholfen, vielen Dank!

  • #2

    Mischa (Donnerstag, 23 März 2017 22:30)

    Danke für den Informativen Beitrag. Allerdings wäre wichtig zu wissen, ob die hier aufgeführten Urteile noch aktuell gültig sind. Immerhin ist z.B. das "Porsche-Urteil" 14 Jahre her, andere teilweise 40 Jahre alt...

  • #3

    Antwort zu #2 (Freitag, 24 März 2017 10:02)

    Guten Tag,

    das "Porsche-Urteil" ist nach wie vor gültig und hat insbesondere durch das Urteil des BGH vom 20.10.2009 zu AZ: VI ZR 53/09 eine weitere Konkretisierung erfahren (siehe hier: http://www.captain-huk.de/wp-content/uploads/rechtsprechung/urteile/fiktive-abrechnung/BGH_VI_ZR_53-09.pdf).

    Mit freundlichen Grüßen

    Sven Nelke
    Rechtsanwalt

  • #4

    Alfred Kosick-Kfz Meister (Freitag, 24 März 2017 10:07)

    Ist die Vorgehensweise der Versicherungen auch bei Kaskoschäden so?
    bitte um Musterbeitrag für Kaskoschaden oder Rückruf unter Tel.XXX

  • #5

    Antwort zu #4 (Freitag, 24 März 2017 10:20)

    Guten Tag,

    ich werde Sie nicht zurückrufen, da dies den Rahmen sprengt. Auch werde ich zu dem Thema keinen eigenen Beitrag erstellen.

    Grundsätzlich wird hier das Schadensersatzrecht bei Verkehrsunfällen thematisiert.

    Für Kasko-Versicherung gelten andere Regeln. Inbesondere sind in Kasko-Versicherungsverträgen oftmals Einschränkungen drinnen, die es dem Versicherungsnehmer eben nicht erlauben, sich eine Werkstatt auszusuchen. Insoweit ist dies eher Vertragsrecht und kein Schadensersatzrecht.

    Wenn Sie die Prüfung Ihres Versicherungsvertrags wünschen, dann fällt hierfür eine Beratungsgebühr an. Gerne können Sie unter diesen Voraussetzungen bei uns vorstellig werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Sven Nelke
    Rechtsanwalt